Anmerkungen zum Bühnenstück "Bremen: Eine Stadt der Kolonien" der Bremer Shakespeare Company

Seit vielen Jahren kämpfen u.a. Vereine der afrikanischen Diaspora und postkoloniale Initiativen in ganz Deutschland für eine kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus – in Bremen z.B. schon 1979 Aktionen zur Straßenumbenennung. Solchen Forderungen wird erst in jüngster Vergangenheit in der bremischen Politik und Öffentlichkeit größere Aufmerksamkeit geschenkt: Im Frühjahr 2016 hat die Bremische Bürgerschaft den Senat und die Landeszentrale für politische Bildung beauftragt, ein Erinnerungskonzept zum Umgang mit Kolonialismus und der bremischen Rolle darin zu erarbeiten. Obgleich längst überfällig, kann dies als ein wichtiger Schritt gewertet werden. Zu fragen bleibt dabei, auf welche Art und Weise die Thematisierung des Kolonialismus stattfindet? Wer profitiert? Welche Effekte gehen von ihr aus?


Das Projekt AUS DEN AKTEN AUF DIE BÜHNE hat sich mit der Kolonialgeschichte von Bremen beschäftigt und will mit seiner szenischen Lesung „Bremen – Stadt der Kolonien“ einen Beitrag zur Debatte um die kolonialen Bestrebungen und Verstrickungen der Handelsstadt Bremen leisten. Die intensiven Recherchen und die Zusammenstellung von unzähligen Akten und Materialien halten wir für eine wichtige Arbeit und Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung.


Die Auswahl von Texten für die szenische Lesung und ihre Inszenierung halten wir jedoch für problematisch. Die Konzeption des Projektes AUS DEN AKTEN AUF DIE BÜHNE beinhaltet den Anspruch, "die Akten selbst sprechen zu lassen", so dass sich jede_r im Publikum selbst ein Urteil bilden kann. Mit dieser Darstellungsform wird ein Anschein von Neutralität und Objektivität erweckt; hingegen wird die Aktivität und Effektivität der Auswahl der Texte und ihrer Inszenierung, der Nicht-Zensur, Nicht-Kommentierung und Nicht-Kontextualisierung verdeckt.


Diese Herangehensweise - "die Akten sprechen zu lassen" - mag für bestimmte historische Ereignisse, die zuvor im Rahmen des Projekts inszeniert wurden, geeignet sein – in Hinblick auf die gewaltvollen und bis in die Gegenwart hineinreichenden Auswirkungen des Kolonialismus ist dies unseres Erachtens keine angemessene Bearbeitung von kolonialer Geschichte (Mit der Kursivschreibung von Geschichte wollen wir auf die Kontinuität von Kolonialismus und global konstituierten Machtverhältnissen aufmerksam machen. Kolonialismus ist kein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit, ist nicht längst Geschichte, sondern besteht weiter und wirkt fort.)
Im Folgenden wollen wir diese Kritik anhand einzelner Aspekte konkretisieren).


1. Ausschließender Charakter und normalisierende Effekte
Die ausgewählten Originaldokumente beinhalten verletzende Sprache, die Rassismus reproduziert. Durch die ungebrochene Übernahme dieser Sprache wirkt die Inszenierung selbst gewaltvoll, ausschließend und ignorant gegenüber Menschen, die Rassismuserfahrungen machen. Die (möglichen) Auswirkungen auf nicht-weiße Menschen wurden in der Konzeption offensichtlich nicht bedacht. Somit richtet sich die Aufführung ihrem Wesen nach an weiße Menschen (Die Begriffe Schwarz und weiß verwenden wir in diesem Text zur Kritik an Unterdrückungsverhältnissen. Während die analytische Kategorie weiß von Schwarzen Theoretiker_innen zur Analyse weißer Dominanzverhältnisse entwickelt wurde, stellt die Kategorie Schwarz eine widerständige politische Selbstbezeichnung dar. Diesen Unterschied bringen wir mit den Schreibweisen weiß kursiv und Schwarz groß zum Ausdruck (vgl. moveonup 2010; Eggers/Kilomba/Piesche/Arndt 2005, 13). Zudem kann die Reproduktion von verletzenden Worten im Stück weiße Menschen– sofern sie sich nicht schon selbstkritisch mit eigenen Privilegien auseinandergesetzt haben – dazu verleiten, den rassistischen Sprachgebrauch aus den Akten fortzuführen (so geschehen in der Pause einer der Aufführungen!). Weißen Menschen, die in rassistischen Verhältnissen privilegierte Positionen besetzen, wird damit nicht zuletzt die Bestätigung vorherrschender Überlegenheitsannahmen nahegelegt, die auf kolonial-rassistischen Ideologien basieren.

 

2. Fehlende Kontextualisierung
Weder im Vorfeld der Lesung, noch danach, geschweige denn währenddessen wurde die Verwendung der Originalzitate gebrochen, kommentiert oder kontextualisiert. Der zum Stück herausgegebene Reader bietet zwar die Möglichkeit zur inhaltlichen Vertiefung und Kontextualisierung der ausgewählten gelesenen Texte. Ein solches Wissen um kolonialgeschichtliche Ereignisse, Verhältnisse und Tradierungen und Diskurse ermöglicht eine entscheidend andere Wahrnehmung und Aneignung der Lesung, kann aber – nicht zuletzt aufgrund dieser Verhältnisse, Ereignisse, Tradierungen und Diskurse – nicht vorausgesetzt werden: Das zeigt sich etwa darin, dass Kolonialismus im öffentlichen Diskurs kaum präsent ist.
Auch wenn mit historischem Material gearbeitet wird, das vermeintlich objektiv und neutral den Zuhörer_innen und Zuschauer_innen vorgetragen wird, handelt es sich bei dem Stück doch um eine inszenierte Darstellung von Ereignissen oder Gesprächen, die in einer bestimmten Form dargeboten werden. Mit jeder Darstellung ist eine Entscheidung und damit eine Positionierung verbunden, die wirkungsmächtig und effektiv ist: Die Auswahl der Akten und darin enthaltenen Textpassagen, die Auswahl der Schauspieler_innen, die Auswahl der stilistischen Mittel der Inszenierung - all das unterliegt den konzeptionellen Vorstellungen der Veranstalter_innen und ist somit keinesfalls neutral. Ein wichtiger Bestandteil einer Kontextualisierung als Teil der Lesung wäre daher etwa die klare Positionierung der Protagonist_innen und Veranstalter_innen dazu, welche Perspektiven in die Konzeption des Stückes einbezogen wurden – und warum – und welche nicht; welche Sprechpositionen wie und von wem bezogen werden; und ein Umgang mit der Tatsache, dass nur weiße Schauspieler_innen im Ensemble vertreten sind.

3. Verortung des Kolonialismus in der Vergangenheit
Desweiteren wird u.a. durch die fehlende Kontextualisierung und kritische Kommentierung eine zeitliche Distanzierung geschaffen: 'Kolonialismus, ja, das war einmal vor langer Zeit… das ist heute kein Thema mehr'. Globale Macht- und Ungleichheitsverhältnisse, die im Kontext des Kolonialismus entstanden sind und weiter fortbestehen, sowie Rassismus, der in unserer Gesellschaft strukturell und kulturell verankert ist, geraten nicht in den Blick. Schon die Ankündigung einer „Reise durch die koloniale Vergangenheit Bremens" bringt diese Distanzierung bildhaft zum Ausdruck.
Allerdings zeigen sich die kolonialen Kontinuitäten in der Art und Weise wie mit dem Material umgegangen wird. Weiterhin wird "Wissen" und "Kultur" nur für ein bestimmtes Publikum ge/erschaffen. Schwarze Menschen – die bis heute mit (den Folgen) der Maafa leben – werden nicht mitgedacht und nicht angesprochen. Hier stellt sich die Frage, wer von der Aufführung profitiert und auf wessen Kosten gelernt wird. Ist es tatsächlich notwendig, Kolonialgeschichte derart gewaltvoll zu erzählen, so dass es für Schwarze Menschen schmerzhaft ist, für weiße wiederum ein Raum des Lernens sein soll!? Wer produziert hier weiterhin Wissen und Geschichte? Inwiefern spiegeln sich genau darin Herrschaftsstrukturen und Machtverhältnisse der kolonialen Gegenwart wider? Weiße Menschen erfahren Bestätigung in ihrem kolonialen Habitus und ihre Machtposition wird fortgeschrieben.


4. Relativierung kolonialer Unterdrückung und Gewalt
Die Ankündigung zur Lesung klingt kolonial-euphemistisch und reflektiert die koloniale Gewalt und postkoloniale Kontinuität nicht. Landraub, Mord und Folter, die eng mit dem Kolonialismus verbunden waren, sowie postkoloniale Auswirkungen werden nicht benannt. Stattdessen wird Lüderitz ungebrochen verharmlosend als "Kaufmann" bezeichnet, der Land "erwarb". Chief Mkwawa wird nicht als Widerstandskämpfer bezeichnet. Die Rede von der "Jagd" auf ihn reproduziert eher die rassistische Gleichsetzung von Menschen mit Tieren, die gejagt werden, statt seine Verfolgung durch weiße Kolonialisten, die zu seinem Tod führte, zu benennen und zu problematisieren.
Auch die Darstellung auf der Bühne der Begegnung mit Hendrik Witbooi auf 'Augenhöhe' legt eine relativierende Lesart kolonialer Gewalt und Unterdrückungsverhältnisse nahe. Möglicherweise steht dahinter das Anliegen, Witbooi als handlungsmächtiges Subjekt sichtbar werden zu lassen. Das Kontextwissen und die kritische Perspektive, die es ermöglichen, die Darstellung in dieser Weise zu verstehen, kann aber nicht vorausgesetzt werden (s.o.). Vielmehr ist vor dem Hintergrund der dominanten Haltung von Leugnung und Ignoranz des Kolonialismus in Deutschland eher von einer verharmlosenden Aneignung auszugehen.


5. Kritik an der Inszenierung
Es hätte viele Möglichkeiten gegeben für kritische Zugänge: z.B. die kolonialisierten Orte und Regionen, die im Stück erwähnt werden und als Schauplätze der Bremer Kolonialgeschichte dienen, geografisch zu lokalisieren und zu benennen, anstatt den Umriss des afrikanischen Kontinents mit Sand auf den Boden anzudeuten und damit das Bild zu erschaffen, dass sich die Geschehnisse irgendwo! in Afrika ereignet haben; die Wirkmächtigkeit von rassistischer Sprache in den Originalzitaten zu brechen, indem der Gebrauch von bestimmten rassistischen Worten unterlassen wird; die Entwicklungen, die zum Herero-Aufstand führten, aufzuzeigen und eine stärkere Bezugnahme auf widerständige Praxen der kolonialisierten Bevölkerung (aus der Perspektive der Unterdrückten) vorzunehmen; die Kontinuität von kolonialrassistischen Strukturen aufzuzeigen, indem z.B. in Bezug auf den Fall Johannes Kohl auf aktuelle Beispiele der Behördenpraxis im Umgang mit Geflüchteten oder nach Deutschland migrierenden Personen verwiesen wird;
die Darstellung mit einer Einführung zu beginnen, die den Kontext erklärt, in dem die Lesung verortet ist, und die Zuschauenden vorbereitet auf das, was sie erwartet – auch um sich kritisch zu dem Dargestellten ins Verhältnis setzen zu können (.s.o.).
Wir stellen grundlegend in Frage, ob eine Inszenierung, die ausschließlich und unkommentiert die "Akten" selbst sprechen lässt und dadurch unentwegt kolonial-rassistische Sprache und Logik reproduziert und Verletzungen von Menschen im Publikum, die Rassismus erfahren, in Kauf nimmt, eine angemessene Herangehensweise an die Auseinandersetzung mit Kolonialismus ist. Die Reproduktion rassistischer Sprache und Logik durch weiße Menschen – die Nachfahren der Kolonisator_innen – kann nicht der kritischen Aufarbeitung von Kolonialismus dienen. Zudem glauben wir, dass es unangemessen ist, dass fast ausschließlich weiße Stimmen hörbar werden, und die Inszenierung durch ein ausschließlich weißes Ensemble dargestellt und erarbeitet wird.

Wir sprechen uns dafür aus, auch die Auseinandersetzung mit kolonialer Geschichte zu dekoloniseren: decolonize history!


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